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Wie soll es denn heißen?

18. Januar 2017 | Schreibtipps, Selfpublisher | 0 comments | Author:

Ich bin mir sicher, vielen Autor*innen geht es ganz ähnlich wie mir: Die Suche nach dem besten Titel für das neue Buch kann einen echt fertigmachen. Selbst dann, wenn der Titel die Grundidee für die Geschichte lieferte, also zuallererst da war, schleichen sich irgendwann erste Zweifel ein, ob er wirklich schon das Optimum darstellt.

Das ist ja auch kein Wunder, schließlich muss der Titel jede Menge leisten. Er soll das Buch verkaufen. Er muss auffallen. Besser noch: herausstechen. Er muss neugierig machen. Er muss einprägsam sein. Er muss bei all dem aber auch irgendwie zur Geschichte passen, genau die richtigen Leser*innen ansprechen, ihnen genau den richtigen Eindruck vermitteln, ins Genre passen …

Und da haben wir das Problem: Der bestmögliche Titel ist ein Spagat zwischen diversen Anforderungen, ein Kompromiss. Ein Titel, der toll klingt, weckt vielleicht nicht die richtigen Assoziationen oder Emotionen. Ein Titel, der absolut einzigartig ist, mag auffallen, lässt potenzielle Käufer*innen aber möglicherweise ratlos zurück. Ein Titel kann wunderbar zur Geschichte passen und doch die falsche Zielgruppe ansprechen.

Mode

Das nächste Problem folgt auf dem Fuße: Es gibt Trends, tatsächliche, vermutete und herbeigeredete. Darum herum jede Menge unterschiedliche, sich teilweise widersprechende Meinungen von Experten und anderen. Einworttitel ja oder nein, mit oder ohne Artikel, also doch Zweiworttitel, Hauptsache kurz, oder doch lieber was Längeres, mit oder ohne Untertitel, auf keinen/jeden Fall, ganz egal/entscheidend …

Um dem ganzen die Krone des Zweifels aufzusetzen: Selbst wenn man das alles beachtet, ja, selbst dann, wenn man irgendwie sicher sein könnte, den besten Titel gefunden zu haben, den man nur finden kann, kann das helfen oder auch nicht. Noch schlimmer: Ob der Titel geholfen hat oder nicht, ob er vielleicht sogar geschadet hat, ob und wie viel er zum Erfolg oder Misserfolg des Buches beigetragen hat, weiß man letztlich auch nie so genau.

Kurz: Man kann alles richtig machen, und es ist trotzdem falsch.

Verantwortung abgeben

Ich muss es sicher nicht betonen: Der Umkehrschluss, dass man in Wahrheit nichts falsch machen kann, dass es also ganz egal ist, und man am besten einfach den Titel wählt, der einem selbst am besten gefällt (was immerhin besser wäre als irgendeinen vollkommen beliebigen), stimmt leider auch nicht. Es mag nie die absolute Sicherheit geben, dass das Menü, das ich für meine Gäste auf den Tisch zaubern will, am Ende jedem schmeckt, deshalb ist es aber nicht egal, wie ich es zubereite.

Wie gut, wenn ich die Möglichkeit habe, einen Koch einzustellen, und damit die Verantwortung an einen Profi abzugeben. Damit wird die Wahrscheinlichkeit, den Gästen könnte es nicht schmecken, deutlich vermindert. Und wenn es doch so sein sollte, kann ich mit dem Finger auf den Koch zeigen.

Ganz ähnlich geht es Verlagsautor*innen, denn (zumindest in Publikumsverlagen) liegt die Verantwortung für die Titelfindung letztlich beim Verlag. Dort sitzen die Profis, die die Gepflogenheiten, die Wahrscheinlichkeiten und die Trends kennen. Zur professionellen Erfahrung kommt mit etwas Glück noch guter Geschmack. Und Verlagsautor*in kann sich entspannt zurücklehnen.

Von Arbeitstiteln

Schön wär’s! Zum einen hat der Verlag zwar das letzte Wort, aber natürlich darf/soll/muss sich Autor*in in der Regel an der Titelfindung beteiligen. Und ist meistens auch froh darüber. Und wenn es dann doch nicht der eigene Titel wird in aller Regel zu Tode betrübt. Denn zum anderen wird einem nur noch bewusster, wie viel am Titel hängen könnte, wenn man mit der Verlagsentscheidung unzufrieden ist. Ob zu Recht oder zu Unrecht ist dann wieder so eine Frage, zu der jeder eine andere Meinung hat.

Doch selbst, wenn der äußerst unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass Verlagsautor*in rundum erleichtert ist, sich um den endgültigen Titel des Werkes keinen Kopf mehr machen zu müssen, gibt es da ja noch den Arbeitstitel. Ich selbst habe schon oft darauf hingewiesen, dass man sein Herz nicht allzu sehr an einen solchen Arbeitstitel hängen sollte, schon deshalb, weil er eben häufig nicht als endgültiger Titel bestehen bleibt. Im Prinzip könnte man den auch gleich ganz weglassen. Es gibt allerdings viele Autor*innen, die nicht wirklich etwas zu Papier bringen, bevor sie nicht zumindest vorläufig wissen, wie das Kind heißen könnte.

Und die Situation verbessert sich nicht, wenn Autor*in die Geschichte noch lange, bevor andere Leser*innen ins Spiel kommen, an Verlag oder Agentur bringen muss. Auch hier sollte ein bisheriger Arbeitstitel auf seine Wirkung überprüft und eventuell angepasst oder ersetzt werden. Denn auch hier soll der Titel ja helfen, das Werk schmackhaft zu machen bzw. sogar zu verkaufen.

Was eine Rolle spielen könnte

Ganz gleich also, ob Verlag oder Selfpublisher, ob für Leser*innen/Käufer*innen oder Verleger*innen/Agent*innen, irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem Autor*in den bisherigen Arbeitstitel auf den Prüfstein legen oder von sich schieben und neu denken muss. Daher im Folgenden nun ein paar Punkte, die beim Nachdenken Orientierung geben könnten:

  • Als Erstes klopfst du den Titel besser darauf ab, ob es ihn schon gibt. Wenn ja, entscheide dich besser gleich für einen anderen. (Prüfe nur im Notfall, ob die Verwendung dennoch möglich ist.) Bei der Suche helfen neben Google vor allem die Suchfunktionen der Onlinebuchhändler.
  • Vergleiche den Titelkandidaten außerdem mit vergleichbaren Büchern (Genre, Zielgruppe, Thema). Der Titel sollte idealerweise keine Zweifel lassen, wie das Buch einzuordnen ist, und dennoch hervorstechen. Ob im Einzelfall das Pendel mehr in die eine oder andere Richtung ausschlagen sollte, lässt sich so nicht sagen. Die Tendenz geht bei Profis oft in Richtung Vergleichbarkeit (wo „Die Wanderhure“ erfolgreich ist, kann „Die Reisedirne“ doch wohl nur profitieren), während Autor*innen gern das Individuelle bevorzugen (ist doch toll, dass der Titel „Das Daunenprinzip“ aus anderen Thrillertiteln heraussticht).
  • Scheint der vorige Punkt schon für sich genommen einer Mission Impossible nahezukommen, wird es noch schwerer, wenn man bedenkt, dass so ein Titel bestenfalls gleich die richtige Grundstimmung der Geschichte rüberbringen sollte: Verspricht er den Leser*innen eher Lachen oder Tränen, Nervenkitzel oder Nachdenkliches?
  • Anders als im Sachbuch ist es in der Belletristik eher unüblich (wenn auch nicht unmöglich), mit Untertiteln zu arbeiten, um den Haupttitel etwas zu entlasten. Nicht zuletzt, weil Untertitel sich nur in Ausnahmefällen wirklich einprägen. In Betracht ziehen sollten ihn aber unbedingt diejenigen, die sich mit einem Werk um einen Verlags- oder Agenturvertrag bewerben. Hier bietet der Untertitel, der sich auch zu einer Art Pitch ausweiten kann, eine zusätzliche Möglichkeit, den ersten Eindruck zu einem optimal wirksamen zu machen. Warum also nicht „Streitrösser im Raumgleiter – Die Zukunft bringt das Chaos von gestern“ oder „Bienen im Hornissennest – Ein heiterer Frauenroman, in dem nette Mädchen die Stacheln ausfahren müssen“?
  • Wenn du damit nicht gerade irgendeiner Konvention folgen musst, sieh Figuren- oder Ortsnamen eher als Notlösung für den Titel an. Nur weil „Heidi“ erfolgreich war, muss „Heike“ es nicht werden. Natürlich kann der Vorname Teil des Titels sein, auch wenn „Heikes Abenteuer“ immer noch nicht jeden begeistern wird. Ebenso passen Namen ganz gut zu Reihen, deren Einzelbände dann entsprechende Untertitel bekommen (muss ich hier wirklich an Harry Potter erinnern?). Aber natürlich lässt sich wie immer nichts verallgemeinern, denn kaum jemand wird beispielsweise behaupten, dass Astrid Lindgren für ihre bekanntesten Geschichten einen besseren Titel als „Pippi Langstrumpf“ hätte finden können.
  • Wie ein Titel klingt, ist zwar subjektiv, aber es kann ja nicht schaden, sich selbst und anderen die Kandidaten mal laut vorzulesen.

Und? Jetzt vielleicht eine Idee?

Philipp




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