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Schreibzeit

1. September 2016 | Schreibtipps, Selfpublisher | 0 comments | Author:

Eines der größten Probleme für fast jede*n Autor*in ist es, Schreibzeit freizuschaufeln. Wobei damit auch die Zeit zum Planen, Recherchieren oder Überarbeiten gemeint ist. Das gilt oft selbst für jene, die ausschließlich vom Schreiben leben können, weil sie beispielsweise selbst publizieren und viel Zeit in das ganze Drumherum investieren müssen, weil sie nicht selbst publizieren und trotzdem viel Zeit ins Drumherum investieren müssen oder weil der Alltag, der Haushalt, die Familie, das ganze Leben so viel Zeit frisst.

Wenn du außerdem einen mehr oder weniger großen Anteil deiner Zeit für zusätzliche Tätigkeiten bis hin zum Hauptberuf verwenden musst, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen, wird es damit auch nicht unbedingt leichter, und du schielst vielleicht mit einem Anflug von Neid im hintersten Augenwinkel auf diejenigen, die sich zumindest beruflich ganz aufs Schreiben konzentrieren können.

Wenn ich doch nur wie die anderen …

Foto: Pixabay
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Du wirst es dann andererseits, wenn du es trotzdem geschafft hast, ein oder gar mehrere Bücher ans strahlende Licht der Öffentlichkeit zu bringen, mit ziemlicher Sicherheit mit denjenigen zu tun bekommen, die natürlich auch längst ein mindestens dreimal so tolles Buch veröffentlicht hätten, wenn sie nur die Zeit dafür fänden. Und die das übrigens in einem Ton formulieren, der dir gleichzeitig sagt, dass du offenbar nichts Richtiges zu tun und aus lauter Langeweile die Zeit hattest, dein blödes Buch zu schreiben.

Wir halten also fest: Es gibt Leute, die mehr Zeit dafür haben, Romane und/oder andere Werke zu erschaffen, und andere, deren Ressourcen weit begrenzter oder gar nicht vorhanden sind. Privilegiertere und weniger Privilegierte. Aber zum einen sind Privilegien ja nun nicht nur auf Schreibzeiten begrenzt, weder Jammern noch Neiden ist da irgendwie hilfreich. Zum anderen schmelzen die Privilegien in den allermeisten Fällen bei genauerer Betrachtung schnell dahin.

Nehmen wir noch einmal an, du seiest einer derjenigen, die nicht allein vom Schreiben leben können, aber doch schon das eine oder andere Werk an die Leser gebracht haben. Während du also noch stöhnst, dass du viel erfolgreicher sein würdest, wenn du deinen Brotjob an den Nagel hängen könntest so wie Bestsellerautor A. Erfolg, musst du gleichzeitig deiner Freundin S. Nörgel erklären, dass du eben nicht im Gegensatz zu ihr alle Zeit der Welt hattest, um dein Buch zu schreiben, sondern dich jeden Morgen eine Stunde früher aus dem Bett gequält hast, um vor der Arbeit wenigstens ein oder eineinhalb Seiten in die Datei zu hämmern.

Was aber würde A. Erfolg antworten, wenn du ihm dein Leid klagtest? Vermutlich, dass er ja angefangen hat wie du. Vielleicht hat er irgendwann die Entscheidung getroffen, sich noch weiter einzuschränken, indem er sein liebstes Hobby für eine Weile ganz ausgesetzt und sich obendrein vollkommenes Fernsehverbot erteilt hat, um doppelt so viel Zeit zum Schreiben zu haben und diese zu nutzen, einen weiteren Roman pro Jahr zu schreiben. Dann waren vielleicht beide Werke noch keine Bestseller, haben ihm aber gemeinsam ermöglicht, bei seinem Brotjob auf eine halbe Stelle zu gehen.

Doch selbst heute, da er es geschafft hat, wie du es nennen würdest, hätte er gern mehr Zeit zum Schreiben. Nicht nur, dass ihm nun Lesungs-, Presse- und Marketingtermine die Zeit rauben, auch verlangen seine Leser ständig Nachschub, und er könnte sie, wenn er nur die Zeit hätte, viel öfter mit neuen Werken beglücken, was auch die insgesamt drei Verlage, für die er jetzt schreibt, sehr begrüßen würden.

Möglichkeiten ausschöpfen

Foto: Pixabay
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Wir stellen also fest: Schreibzeit hat nun mal irgendwo ihre „natürlichen“ Grenzen und ist fast immer zu knapp bemessen. Besser, als diesen Umstand zu beklagen, kann nur sein, zu sehen, ob man wirklich sicher ist, besagte Grenzen schon erreicht zu haben.

Da ein Tag nur rund 24 Stunden hat, ist klar, dass man sich, um Schreibzeit zu gewinnen, anderswo einschränken muss. Diese Möglichkeiten zu erschöpfen, gehört zum Autorendasein dazu. Das gilt umso mehr, je mehr Priorität man seinem Schreiben eingesteht.

Schau dir daher genau an, wo bei dir die Möglichkeiten liegen:

  • weniger Zeit für Schlaf,
  • weniger Zeit für Hobbys,
  • weniger Freizeit,
  • weniger Zeit für Fernsehen,
  • weniger Zeit für Freunde,
  • weniger Zeit für Familie,
  • schreiben in Wartezimmern oder öffentlichen Verkehrsmitteln.

Das können natürlich nur Beispiele sein. Und Familie und Freunde sollen und können sicher nur zeitweilig bzw. zu bestimmten Zeiten auf dich verzichten. Auch ist Schreiben oft harte Arbeit, weshalb es nur ratsam ist, die Freizeit zum erholsamen Ausgleich und Kopf-frei-Bekommen nicht gänzlich an den Nagel zu hängen. Ganz im Gegenteil!

Ein meist bewährtes Hilfsmittel, um zu Schreibzeit zu kommen und diese optimal auszunutzen, ist es, sich zu organisieren. Ob es nur darum geht, dir eine Routine für die Schreibzeit selbst anzueignen, dir feste Zeiten für das Schreiben einzurichten oder gar den Tagesablauf zu planen, sollte davon abhängen, wie es für dich am besten passt. Aber natürlich kann es auch sein, dass du einfach ein bisschen Chaos brauchst, Wenn du damit nicht fehlende Schreibzeit entschuldigst, ist das vollkommen okay.

Jedenfalls sollte man auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, kleinere oder größere Veränderungen in seinem Leben vorzunehmen. Ich hörte von Autoren, die ganz bewusst für ihren Arbeitsweg auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen sind, um diese Zeit fürs Schreiben (oder Planen oder Notieren oder Überarbeiten) zu gewinnen. Vielleicht kann man aber auch wirklich eine Weile die finanziellen Ansprüche zurückschrauben und im Brotjob etwas zurücktreten, wenn entsprechende Möglichkeiten gegeben sind. Vielleicht zeigt ein Gespräch mit dem Lebenspartner Möglichkeiten auf, stetig oder für eine vorübergehende Zeit Frei- bzw. Schreibräume zu schaffen.

Immer noch wird es Leute geben, die dir gegenüber scheinbar oder tatsächlich im Vorteil sind. Kann man dann eben nichts machen.

Philipp




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