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Wie plotte ich aus der Figurenentwicklung heraus?

9. Februar 2017 | Plotten, Schreibtipps | 0 comments | Author:

Menschen verändern sich im Lauf ihres Lebens durch die Erfahrungen, die sie machen. Ereignisse, die ihnen zustoßen, andere Menschen, die ihnen begegnen, veränderte Lebensumstände und Schicksalsschläge lassen uns reifen. Um Romanfiguren lebendig und überzeugend darzustellen, müssen auch sie sich verändern. Das weiß jeder Autor, der sich schon einmal mit Figurenentwicklung beschäftigt hat. Doch die theoretischen Grundlagen zu kennen, ist das eine – sie auch praktisch beim Schreiben umzusetzen, eine ganz andere. Ich möchte euch heute ein paar Hinweise geben, wie ihr die Entwicklung eurer Figur in Handlung umsetzt.

Dazu benutze ich einen Beispielplot. Nehmen wir eine Liebesgeschichte und konzentrieren und auf die Entwicklung der Hauptfigur. Um ein Gerüst der Figurenentwicklung auszuarbeiten, benutze ich hier die 7-Punkt-Methode von Dan Wells, die sich für die Entwicklung einzelner Figuren genauso gut eignet wie zum Plotten eines ganzen Romans.

Natürlich könnt ihr eure Figurenentwicklung auch ohne Vorgabe erstellen, wenn ihr ein gutes Gefühl für Struktur und Timing habt. So kann sich die Geschichte organischer entwickeln. Aber ihr könnt euch auch leichter verzetteln.

Wir erstellen eine Tabelle mit diesen Punkten:

1) Welche Eigenschaften prägen die Figur am Anfang der Geschichte und woher stammen diese?

Allgemein: Was ist die Ausgangssituation? Das Problem bzw. der innere Konflikt der Figur zeichnet sich ab.

Konkret: Die Figur, nennen wir sie Mia, hat Angst, eine Beziehung einzugehen, da sie niemandem vertraut. Ihr letzter Freund hat sie mit ihrer Kollegin betrogen. Sie ist seit vier Jahren Single.

Damit Mia nicht zur langweiligen, frustrierten Eremitin wird (langweilige Figur!), geben wir ihr als Gegengewicht etwas Positives mit: Sie liebt Tiere über alles und arbeitet ehrenamtlich im örtlichen Tierheim. Dort wird sie aber von den hauptberuflichen Pflegern nicht anerkannt und muss sich ständig behaupten, was ihr schwer fällt.

Umsetzung: Eine Kollegin schwärmt Mia von dem neuen Tierarzt vor und will sie mit ihm verkuppeln. Mia will davon nichts wissen, da sie von Beziehungen genug hat. Sie will ihre Freizeit den Tieren widmen. Zusammen mit dem Tierarzt und Kollegen retten sie einen völlig verwahrlosten Hund vor seinem brutalen Besitzer. Mia will sich nicht eingestehen, dass sie den Tierarzt sehr sympathisch findet.

Jetzt springen wir kurz zu Punkt 7, dem Ende der Geschichte: Wo soll Mia dann stehen? Wohin hat sie sich entwickelt?

Allgemein: Das Problem ist gelöst.

Konkret: Mia hat gelernt, wieder zu vertrauen, ihre große Liebe gefunden und sich im Tierheim Anerkennung erkämpft.

Umsetzung: Mia, der Tierarzt und ihr gemeinsamer Hund sind glücklich vereint. Mia hat wieder Vertrauen gewonnen (die Details legen wir später fest).

Wir kennen also Mias Probleme und wo sie nach deren Lösung steht, jetzt führen wir sie Schritt für Schritt durch ihre Entwicklung. Dabei denken wir vom Allgemeinen hin zu einer konkreten Situation und überlegen dann, wie wir diese szenisch im Roman umsetzen. Das schrittweise Vorgehen zwingt uns, auf den Punkt zu bringen, was wir mit einer Szene aussagen möchten. Das grobe Ziel vor Augen, machen wir den nächsten Schritt, der Mia in die richtige Richtung führen soll.

2) Kleiner Wendepunkt 1 (Bei Wells „plot turn 1“):

Allgemein: Das Problem/der Konflikt verschärft sich. Die Figur wird gezwungen, aktiv zu werden.

Konkret: Mia wird mit ihrer Angst, wieder verletzt zu werden, konfrontiert.

Umsetzung: Der neue Tierarzt kommt ins Tierheim, um die Neuzugänge zu impfen. Er lädt Mia zu einem Treffen ein. Obwohl der Arzt ihr gefällt, lehnt sie ab und behauptet, sie habe keine Zeit. Sie will sich tatsächlich den vernachlässigten Hund kümmern, der sich aggressiv verhält und niemanden an sich heranlässt. Doch der Chef-Tierpfleger traut ihr das nicht zu. Mia widersetzt sich seinen Anweisungen und geht heimlich in den Käfig des Hundes.

3) Erster Druckpunkt ( „first pinch“)

Allgemein: Die Figur gerät unter Druck. Etwas Schlimmes geschieht, sodass sich die Lage verschlechtert (wobei noch Luft für eine weitere Verschlechterung bleiben muss).

Abstrakt: Mias Fähigkeiten als Tierpflegerin werden auf die Probe gestellt und es endet mit einem Misserfolg.

Umsetzung: Mia wird von dem Hund angefallen und gebissen. Sie kann sich gerade noch retten. Der Chef-Tierpfleger hält ihr eine Standpauke. Er will bei der Tierheimleitung dafür sorgen, dass Mia nicht mehr dort arbeiten darf.

4) Großer Wendepunkt („midpoint“)

Allgemein: Markiert den Übergang von der Ausgangssituation zur Endsituation. Die Figur nimmt nun die Dinge in die Hand und hat ihr Ziel vor Augen.

Konkret: Mia will dafür sorgen, dass die Tierheimleitung ihre Fähigkeiten anerkennt und den Hund vor dem Einschläfern retten.

Umsetzung: Mia sucht den Vorbesitzer des Hundes auf. Der will nicht mit ihnen sprechen. Aber Mia fällt auf, dass er ein rotes T-Shirt trägt, das er auch schon trug, als der Hund abgeholt wurde. Sie selbst trug ebenfalls ein rotes Oberteil, als sie von dem Hund gebissen wurde. Sie beschließt, sich dem Hund noch einmal zu nähern, dieses Mal mit einem andersfarbigen Oberteil.

5) Zweiter Druckpunkt („pinch 2“)

Allgemein: Die Lage verschlechtert sich nochmals und es scheint keine Lösung zu geben.

Konkret: Mia glaubt zu scheitern und dass ihr Vertrauen wieder enttäuscht wurde.

Umsetzung: Am Morgen lässt der Chef-Pfleger Mia nicht ins Tierheim. Hämisch teilt er ihr mit, der Tierarzt sei gerade da, um den „bösartigen“ Hund einzuschläfern. Mia kann es nicht fassen. Sie versucht, den Arzt telefonisch zu erreichen, doch er geht nicht ran.

6) Kleiner Wendepunkt 2 („plot turn 2“)

Allgemein: Am Ende des Tunnels flackert ein Licht auf. Möglicherweise gibt es doch noch Rettung/kann die Figur ihr Ziel erreichen. Alternativ: Die Fahrt in den Abgrund geht unaufhaltsam weiter.

Konkret: Mia versucht, den Hund zu retten, scheinbar vergeblich.

Umsetzung: Mia erreicht den Tierarzt über Umwege doch noch. Nach dem Gespräch geht sie zur Hintertür des Tierheims und sieht zu, wie der tote Hund in den Wagen des Tierarztes gelegt wird und dieser davonfährt (natürlich der Arzt, nicht der Hund 😉 ).

Was wir dem Leser noch verschweigen: Mia hat eine Absprache mit dem Tierarzt getroffen.

Da auch der Tierpfleger, der die Rolle des Antagonisten inne hat, der epischen Gerechtigkeit zugeführt werden muss, bestrafen wir ihn an dieser Stelle:

Die Tierheim-Leiterin hat auf Überwachungsvideos entdeckt, dass er die Tiere schlägt. Er wird fristlos entlassen.

7) Lösung („resolution“)

Allgemein: Die Figur hat ihr Problem gelöst/ihr Ziel erreicht.

Konkret: Mia hat den Hund gerettet und ihr Vertrauen in die Männer ist wiederhergestellt.

Umsetzung: Am nächsten Morgen steht der Tierarzt überraschend vor der Tür – mit dem Hund, den er nur betäubt hat, um ihn aus dem Tierheim schmuggeln zu können. Er hat ihr Vertrauen nicht enttäuscht und überlässt Mia den Hund, damit sie ihn wieder Vertrauen in die Menschen lehren kann. Als er gehen will, hält Mia ihn auf und fragt, ob seine Einladung zum Abendessen noch gilt. Happy Ending!

Auf diese Art haben wir in relativ kurzer Zeit die wichtigen Szenen der Haupthandlung festgelegt – und sie spiegeln die innere Entwicklung der Hauptfigur wider. Zudem ist das grundlegende Thema der Geschichte sichtbar geworden: Vertrauen. Wie wichtig es ist,, vertrauen zu können, spiegelt sich nicht nur in Mias Entwicklung, sondern auch in der des Hundes.

Der nächste Arbeitsschritt wird sein, weitere Szenen hinzuzufügen, Nebenfiguren und Nebenhandlungen zu gestalten, die Mia in ihrer Entwicklung unterstützen, sie darin hemmen wollen oder das Hauptthema auf anderen Ebenen reflektieren.

Wie das geht, zeige ich euch in meinem nächsten Blogbeitrag.




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