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Erzählenswert

15. Dezember 2016 | Schreibtipps | 0 comments | Author:

In meinem letzten Beitrag zu diesem Blog habe ich über Unterschiede zwischen Roman und Kurzgeschichte gesprochen. Neben anderen kam aber auch die Erzählung kurz zu Wort.

Vielleicht hat sich der eine oder die andere in dem Zusammenhang sogar schon gefragt, was man denn so erzählen könnte, wenn es nicht um eine spannende Story wie im Roman oder in der Kurzgeschichte geht. Und aus tatsächlich gleich mehreren aktuellen Anlässen, will ich heute etwas dazu schreiben.

Was ist eine Erzählung?

Zunächst will ich noch einmal deutlich sagen: Unter einer Erzählung ganz im Allgemeinen versteht man erst einmal alle erzählende Prosa, also etwa auch den Roman und die Kurzgeschichte. In diesem Sinne ist Erzählung also ein Oberbegriff.

Erzählung bezeichnet aber auch eine Literaturgattung, die der Erzählung im weiteren Sinn untergeordnet ist. Als solche ist sie nur recht unklar definiert, kommt eher zustande, indem sie von anderen Gattungen wie dem Roman, der Kurzgeschichte oder der Novelle abgegrenzt wird, eine Art Sammelbegriff für alles, was nicht eindeutig den anderen Gattungen zugeordnet werden kann.

Allerdings lässt diese Abgrenzung letztlich doch genauere Charakteristika zu, als man annehmen möchte. Die Erzählung erzählt meist von einer Begebenheit im weitesten Sinne: einer Feier, einem Ausflug, einer Reise, einem Verkaufsgespräch, einer zufälligen Begegnung, einem Date … Diese Begebenheit wird im Großen und Ganzen chronologisch, meist aus einer einzigen Perspektive, erzählt. Es gibt keine oder keine vordringlichen strukturellen Prinzipien, die die Erzählung bestimmen, etwa wie bei Roman und Kurzgeschichte, die einem Spannungsbogen folgen, der sich an der Entwicklung des zentralen Konflikts orientiert.

Wenn aber nun der Erzählung genau das fehlt, was die uns heutzutage viel vertrauteren Literaturformen mit Story so spannend macht, wie kann sie dann überhaupt des Erzählens wert werden?

Nichts als der Wahrheit!

Eine Erzählung ist zunächst einmal gar nicht unbedingt in der Fiktion beheimatet. All das, was der Erzählung fehlt, bringt sie nämlich genau dahin, wo wir sie normalerweise kennen: in die Realität. Denn auch im Alltag erzählen wir gern, und zwar von Begebenheiten. Wenn wir sie mündlich erzählen noch weit unstrukturierter, als wenn wir sie aus irgendeinem Grund schriftlich festhalten, wie etwa in den sozialen Medien, die voll sind von solchen Erzählungen. Wir erzählen von einer Feier, einem Ausflug, einer Reise, einem Verkaufsgespräch, einer zufälligen Begegnung, einem Date …

All das sind (meist recht kurze) Erzählungen, die eben auf wahren Begebenheiten beruhen, die aber oft auch ausgeschmückt werden, um sie noch attraktiver zu machen.

Der Wahrheitsgehalt ist dabei ein entscheidender Faktor dieser Erzählungen, sei er nun tatsächlich vorhanden oder nur angenommen. Der reale Bezug, den der Leser zum Erzählten herstellen kann.

Das wird besonders deutlich beim direkten Bezug zu den Figuren der Erzählung, die eben dann keine reinen Figuren, sondern reale Personen sind. Viele solcher realen Erzählungen sind vor allem oder sogar ausschließlich für solche Empfänger interessant sind, die wenigstens einen Teil der beteiligten Personen kennen. Ich werde also von der letzten Party bevorzugt einem Freund erzählen, der vielleicht sogar noch andere der Partygäste kennt, weil den diese Begebenheit sogar dann interessiert, wenn jemand anderes das Ereignis als vollkommen unspektakulär einschätzen würde.

Eine fiktive Erzählung? Keine Chance. Einem Großteil der Leser (ein paar erreicht man immer, wirklich immer!) wird vollkommen schleierhaft bleiben, warum das vollkommen sinnfreie Rumgefeiere erfundener Figuren, die man logischerweise nicht persönlich kennt, erzählenswert sein soll.

Jetzt nehmen wir an, meine reale Partyerzählung würde einer besonderen Begebenheit bei dieser Party handeln, etwa davon, wie Heinz Sketchup sich beim Tanzen eine Reiszwecke in den Fuß getreten und das erst fünf Stunden später gemerkt hat. Ich gebe mir ein bisschen Mühe beim Niederschreiben und stelle diese kleine Erzählung öffentlich bei Facebook ein. Mit ein bisschen Reichweite werde ich auch Likes bzw. staunende Smileys von Nutzern bekommen, die nicht einmal mich näher kennen.

Noch immer funktioniert hier aber ein Realitätsbezug, den eine fiktive Erzählung in der Regel nicht leisten könnte. Man staunt nämlich genau darüber, dass so etwas einer realen Person zustoßen kann. Dass dieser Heinz so schmerzfrei war, sei es ob seiner Statur oder der Getränke, die er zu sich genommen hatte. Es schwingt sozusagen die Frage mit: Das gibts? So etwas ist möglich?

Wenn also die Begebenheit für sich als spektakulär genug empfunden wird, ist ein Bezug zu den Beteiligten nicht mehr notwendig. Allerdings verliert die Begebenheit das Spektakuläre in der Regel, wenn sie als fiktiv wahrgenommen wird.

Die fiktive Erzählung

Noch einmal einen kleinen Schritt zurück. Anfangs nannte ich die beteiligten Personen als Grund, eine Erzählung interessant zu finden. Ein Leser kann natürlich noch andere Bezüge zum Erzählten haben. Besonders deutlich wird das bei Reiseerzählungen. Wenn der Leser das Land kennt, oder es gern kennenlernen möchte, findet er es spannend, was der Autor über Land und Leute zu erzählen hat. Haben wir es mit der Erzählung über einen Schulausflug zu tun, ist sie wahrscheinlich auch für angehende, praktizierende und ehemalige Lehrer interessant.

Auch eine fiktive Erzählung hat einen solchen realistischen Themenbezug (den könnte man direkt noch zu den Charakteristika einer Erzählung hinzufügen), weshalb auch eine fiktive Erzählung schon allein über ihr Thema interessierte Leser generieren kann.

Dieser Themenbezug kann auch gut über die emotionale Ebene funktionieren. Etwa über Kinder, Tiere, ältere Menschen, immer in Verbindung mit einer emotional aufgeladenen Begebenheit. Man muss aber dazusagen, dass es stark vom jeweiligen Leser abhängig ist, inwieweit er eine solch emotionale Bindung auch zu einer fiktiven Figur aufbaut. Das Schöne, Traurige, Berührende wird außerdem auch von der Erzählkunst des Autors abhängen.

Womit wir gleich noch das Ästhetische ansprechen können. Manche Erzählung erreicht uns schon deshalb, weil sie so schön erzählt ist. Die Sprache und wie meisterhaft der Erzähler/die Erzählerin mit ihr umgeht, das kann allein schon einen starken Sog erzeugen.

Das Überdrüber

Aber Erzähl- und Sprachkunst hin oder her, in diesem Artikel sollte es ja ums Erzählenswerte gehen. Bis auf die individuell beim Leser vorhandene emotionale oder sachbezogene Bindung an bestimmte Themen haben wir da für die fiktionale Erzählung noch nichts vorzuweisen.

Also noch mal zurück zu dieser Party. Ich könnte ja die folgende Begebenheit erzählen: Obwohl alle Partygäste sich bemühten, einen gewissen Geräuschpegel nicht zu überschreiten, stand irgendwann der ewig meckernde Nachbar vor der Tür und drohte, bei weiterer Ruhestörung die Polizei zu rufen. Mit Cleverness und Charme gelang es dann aber einigen Gästen, den Nachbarn zu überzeugen, sich der lustigen Runde einfach anzuschließen, was für alle ein großer Spaß wurde, zumal der sonst so grimmige Nachbar mit seinen Sangeskünsten alle übertönte.

Dieser Erzählung müsste ich nicht einmal den Anschein geben, sie sei tatsächlich so passiert. Sicher, sie bekäme einen zusätzlichen Kick, wenn ich versichern würde, es sei alles genau so gewesen, aber funktionieren würde sie auch so. Denn auch als Fiktion behält sie ihren realen Bezug, der sich diesmal in einer Art „denk mal darüber nach“ zusammenfassen lässt. Es ist die oft etwas zwiespältig betrachtete Botschaft, mit der der Text über sich hinausweist. Das kann eine ganz einfache, kleine sein, hier etwa: Wenn ihr es schafft, auf den Meckerer zuzugehen, ihn in eure Mitte zu nehmen, dann wird der Abend wahrscheinlich deutlich entspannter, als wenn ihr euch angegriffen fühlt und euch auf die Konfrontation einlasst.

Der Erzählung geht es letztlich genau um diesen kleinen Denkanstoß. Das Erzählte wird nicht mehr um seiner selbst willen erzählt, sondern ist nur Mittel zum Zweck, Träger der Botschaft. Damit ist es auch nicht mehr so wichtig, ob das wirklich so geschehen ist, denn der Denkanstoß bleibt so oder so der gleiche. Und macht (auch wenn es den Leser*innen vielleicht gar nicht immer so bewusst wird), den eigentlichen Reiz des Erzählten aus. Man denkt sich: Toll, ob ich wohl in einer ähnlichen Situation auf die gleichen Ideen gekommen wäre? Oder: Toll, das muss ich auch mal ausprobieren, wenn der Meier wieder mal vor der Tür steht.

Weiter oben sprach ich schon von den Erzählungen, die wir täglich in den sozialen Medien finden. Heute las ich zum Beispiel von einer Frau, die in einer Bäckerei einen Kaffee für die Person bezahlt hat, die nach ihr kommen und einen Kaffee bestellen würde. Und von dem Lächeln, das sie damit gleichzeitig der beschenkten Person, aber auch der Verkäuferin, einer weiteren Kundin und sich selbst beschert hat. Wohl eine wahre Begebenheit. Aber die hauptsächliche Wirkung der Erzählung entfaltet sie über die Botschaft. Die Begebenheit selbst, ob sie wahr ist oder erfunden, wie genau sie abgelaufen ist, all das ist gar nicht so wichtig. Erzählenswert wird es durch das Überdrüber.

 Philipp




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